Die Welt auf einem Blatt

Text: Marcus Sandl & Daniel Sidler

Die Reisen nach Amerika und Asien sprengen in der Zeit um 1500 das lange vorherrschende Weltbild. Auch auf den Weltkarten, die in Basel gedruckt werden, wird die Welt neu geordnet.

Typus cosmographicus universalis. Weltkarte mit Amerika, Europa, Afrika und Asien, 1537. Aus: Johannes Grynaeus: Novus orbis regionum ac insularum veteribus incognitarum, Basel, Johann Herwagen,
Typus cosmographicus universalis. Weltkarte mit Amerika, Europa, Afrika und Asien, 1537. Aus: Johannes Grynaeus: Novus orbis regionum ac insularum veteribus incognitarum, Basel, Johann Herwagen,

Karten lesen und nutzen wir im Alltag häufig so, als seien sie ein exaktes und mehr oder weniger objektives Abbild der Realität. Die kartographische Forschung hingegen betont die "Gemachtheit" von Karten. Die an der Herstellung beteiligten Personen wählen – bewusst oder unbewusst – die Inhalte aus, die kartographiert werden. Diese Auswahl wiederum beruht auf der jeweiligen Weltsicht, auf der Absicht, die mit der Karte verfolgt wird, sowie auf den gesellschaftlichen Umständen, unter denen sie entsteht. Die Forschung zu historischen Karten interessiert sich denn auch weniger dafür, wie nahe eine bestimmte Karte nach heutigen Massstäben den tatsächlichen Gegebenheiten kommt. Sie fragt vielmehr nach der jeweils spezifischen Aneignung der Realität und richtet ihr Augenmerk auf die Herstellung und Nutzung von Karten.

Hans Holbein und die Kannibalen in Amerika

Die Karte "Typus cosmographicus universalis", die erste auf dem Gebiet der heutigen Schweiz gedruckte Weltkarte, ist in dieser Perspektive besonders spannend. Die Karte wird – zusammen mit einem erläuternden Text – erstmals 1532 im Novus orbis regionum gedruckt, einem von Simon Grynaeus herausgegebenen Buch, das siebzehn Reiseberichte aus der "neuen Welt" umfasst. Der Entwurf zur Karte stammt vom damals in Basel ansässigen Sebastian Münster, den Holzschnitt fertigt vermutlich Basels berühmtester zeitgenössischer Künstler Hans Holbein der Jüngere an. Von Holbein stammen auch die Bilder an den Seitenrändern, die Szenen aus den Reiseberichten darstellen.

Bildausschnitt, Szene unten links: Die Kannibalen charakterisieren die «Terra Nova» Amerika
Bildausschnitt, Szene unten links: Die Kannibalen charakterisieren die «Terra Nova» Amerika

Terra de Cuba? – Neues Wissen selektiv präsentiert

Das Segelschiff auf dem Atlantik und der Wanderer am unteren Bildrand, der sich als Ludovico de Varthema identifizieren lässt, zeigen an, dass hier das Ziel verfolgt wird, das neue Wissen kartographisch abzubilden. [Bildausschnitt unten Mitte: Ludovico de Varthema reiste im frühen 16. Jahrhundert bis nach Indien. Sein Reisebericht war in Europa ein publizistischer Erfolg]. In der Verarbeitung der neuen Erkenntnisse geht Münster aber selektiv vor. Wohl kartographiert er die "Terra Nova" Amerika – den als "Terra de Cuba" bezeichneten Norden zumindest als schmalen Landstrich –, die Kenntnisse über Mittelamerika ermöglichen jedoch bereits zu jener Zeit eine genauere Darstellung.

Bildausschnitt unten Mitte: Ludovico de Varthema reiste im frühen 16. Jahrhundert bis nach Indien. Sein Reisebericht war in Europa ein publizistischer Erfolg
Bildausschnitt unten Mitte: Ludovico de Varthema reiste im frühen 16. Jahrhundert bis nach Indien. Sein Reisebericht war in Europa ein publizistischer Erfolg

Design als Zeichen von Wissenschaftlichkeit

Spannend ist auch der Blick auf das Design der Karte. Mit den Längs- und Breitengraden nutzt Münster Strukturelemente, die – obwohl sie nicht auf exakten Berechnungen beruhen – die Wissenschaftlichkeit seiner Weltkarte unterstreichen sollen. Für die Beschriftung der kartographierten Ortschaften, Länder, Regionen und Kontinente verwendet er vier verschiedene Schrifttypen. In der Verwendung für die unterschiedlichen Ebenen geht er jedoch nicht immer stringent vor (vgl. z.B. Hispania und Gallia).

Eine Welt der Seefahrer und Entdeckungsreisenden

Gerade in der Auswahl der abgebildeten Sachinformationen und in deren Darstellung zeigt sich die Subjektivität der Karte. Als Städte beispielsweise sind einzig Lisboa und Calicut – Abfahrts- und Zielhafen für Schiffsreisen von Europa nach Indien – sowie Cambalu (das heutige Peking) kartographiert. Dargestellt ist hier also eine Welt der Seefahrer und Entdeckungsreisenden; auf die Kartographierung anderer wichtiger Städte und Ortschaften verzichtet Münster.

Karten sind also nicht bloss Werkzeuge, um die Welt oder eine bestimmte Gegend abzubilden. Sie tragen selbst dazu bei, eine bestimmte Sicht auf die Welt zu vermitteln. Die Karte ist bis am 12. Mai 2019 in der Ausstellung «Schrift & Bild» im Kunstmuseum Basel ausgestellt.

SCHRIFT & BILD Druckgrafik des 15. bis 17. Jahrhunderts, Kunstmuseum Basel 18.01.–12.05.2019
SCHRIFT & BILD Druckgrafik des 15. bis 17. Jahrhunderts, Kunstmuseum Basel 18.01.–12.05.2019

Autoren

Marcus Sandl, PD Dr., Mitautor des Band 4 der Stadt.Geschichte.Basel. 

Daniel Sidler, Dr., Mitautor des Band 4 der Stadt.Geschichte.Basel. 

Quellen

Die Karte in der Online Sammlung des Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett, Ankauf 1933 (Inv. 1933.278)

Meurer, Peter H. Die Basler Weltkarte Typus cosmographicus universalis von Sebastian Münster, 1532. In: Cartographica Helvetica : Fachzeitschrift für Kartengeschichte. Nr 50. 2014. S.41-50.

Glauser, Jürg; Kiening, Christian (Hg.): Text – Bild – Karte. Kartographien der Vormoderne, Freiburg 2007.